Die Bundeswehr hat entscheidend dazu
beigetragen, die politische Handlungs- und Bündnisfähigkeit
der Bundesrepublik Deutschland zu wahren und
unser Land vor politischer Erpressung zu schützen.
Möglich war und ist die Erfüllung dieses
Auftrages allein in enger Zusammenarbeit mit den
Verbündeten in der NATO und der Westeuropäischen
Union (WEU). In der Zeit des Ost-West-Gegensatzes
bestand der Auftrag der Bundeswehr in der
Verteidigung der östlichen Grenze der alten
Bundesrepublik gegen eine unmittelbare militärische
Bedrohung durch die Streitkräfte des Warschauer
Paktes.
Nach Erlangung der
vollen Souveränität und dem politischen Umbruch
in Osteuropa hat sich die Rolle Deutschlands und
damit die der Bundeswehr geändert. Die
Bundesrepublik Deutschland, Jahrzehnte an der
Nahtstelle zwischen Ost und West am einstigen
Eisernen Vorhang gelegen, ist nun in der Mitte
des Kontinents von verbündeten oder befreundeten
Staaten umgeben und derzeit keiner unmittelbaren
Bedrohung ausgesetzt.
Die Konzentration
von Streitkräften, die sich in Deutschland als
Gegner gegenüberstanden, gehört der
Vergangenheit an. Die sicherheitspolitischen Veränderungen
erlaubten es Deutschland, den Umfang seiner
Streitkräfte um gut 40 Prozent zu verringern.
Längst ist es
auch im militärischen Bereich zur Zusammenarbeit
mit den ehemaligen Gegnern gekommen. Die NATO
verabschiedete bereits Ende 1991 ein neues
Strategisches Konzept, das der Kooperation mit
den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes und
den Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetunion
einen hohen Stellenwert beimißt. Die
Zusammenarbeit im Nordatlantischen
Kooperationsrat (NAKR), der Ende 1991 ins Leben
gerufen wurde und die NATO-Staaten mit den neuen
Kooperationspartnern in Mittel- und Osteuropa
zusammenbringt, wurde fortentwickelt zur Partnerschaft
für den Frieden" (PfP). Damit hat die NATO
zugleich ihre Entschlossenheit unter Beweis
gestellt, neue Aufgaben zu übernehmen und zu
einer neuen kooperativen Sicherheitsordnung in
Europa beizutragen.
Mit diesem
Programm wird die Zusammenarbeit mit unseren
mittel- und osteuropäischen Nachbarstaaten auf
eine neue, breite Grundlage gestellt
beispielsweise durch Stabsgespräche,
Ausbildungshilfe, gemeinsame Übungen, gemeinsame
Planungen für internationale Friedenseinsätze.
Es räumt den Kooperationspartnern ein
Konsultationsrecht in sicherheitspolitischen
Fragen ein, beinhaltet jedoch keine
Beistandspflicht. Bereits 27 mittel- und osteuropäische
Staaten haben sich bisher diesem
Partnerschaftsprogramm angeschlossen.
Partnerschaft
für den Frieden" dient dazu, die
Beitrittskandidaten auf die Mitgliedschaft in der
NATO vorzubereiten und zugleich die Kooperation
mit denen, die nicht beitreten wollen oder können,
zu vertiefen und auszuweiten.
Mit PfP hat die
NATO zugleich einen grundlegenden, aufregenden
Schritt in eine neue Dimension der Sicherheit
getan, nämlich vom Dialog hin zur praktischen
Zusammenarbeit wie jetzt im früheren
Jugoslawien. Partnership for Peace"
ist nicht nur ein theoretisches Konzept, sie wird
zunehmend als Partnership for Peacekeeping"
täglich gelebte Praxis. 13 PfP-Partner
beteiligen sich zusammen mit NATO-Streitkräften
an der Internationalen Friedenstruppe (IFOR -
Implementation Force) zur Unterstützung und
Durchsetzung der Friedensvereinbarung für das frühere
Jugoslawien und praktizieren im gemeinsamen
Bosnieneinsatz eine neue Qualität der
Sicherheitszusammenarbeit.
Dennoch:
Sicherheit in Europa ist auch heute noch keine
Selbstverständlichkeit, wie der Krieg im
ehemaligen Jugoslawien gezeigt hat und wie auch
die krisenhaften Entwicklungen im europäischen
Umfeld im Kaukasus, auf dem Balkan, in
Nordafrika etwa in bedrückender Weise
zeigen.
Heute stellt sich
der Bundeswehr als einem der Instrumente
deutscher Sicherheitspolitik ein breites, vielfältiges
und abgestuftes Aufgabenfeld. Der Schutz der
eigenen Landesgrenzen und die Verteidigung des
gesamten Bündnisgebietes sind unverändert Kern
deutscher Sicherheitsvorsorge. In Mitteleuropa
ist derzeit die Wahrscheinlichkeit eines
Konfliktes gering. Viel wahrscheinlicher sind
regional begrenzte Krisen und Konflikte an der
Peripherie Europas. Sie müssen solidarisch mit
Verbündeten und Partnern gemeistert und dadurch
auch von Deutschland ferngehalten werden.
Landes- und Bündnisverteidigung
im Rahmen des Nordatlantischen Bündnisses
bleiben auch in Zukunft die Kernfunktion
deutscher Streitkräfte. Die gemeinsamen
Verteidigungsanstrengungen innerhalb des Bündnisses
bedeuten für Deutschland unverändert den
sicheren Schutz der eigenen Landesgrenzen und
zugleich den Schutz der Bündnispartner im Sinne
einer erweiterten Landesverteidigung.
Neben der
Nordatlantischen Allianz (NATO) kommt für unsere
Sicherheit der Westeuropäischen Union (WEU) eine
zunehmende Bedeutung zu. Als europäischer
Pfeiler des Bündnisses stärkt die WEU die
Nordatlantische Allianz.
Darüber hinaus
erwachsen dem vereinten Deutschland aus
internationalen Verpflichtungen neue Aufgaben zum
Schutz des Friedens und der Hilfe in Not.
Deutschland muß in der Lage sein, gemeinsam mit
Partnern auf entstehende Krisen im Rahmen
internationaler Krisenbewältigung vorbeugend,
eindämmend oder dämpfend einwirken zu können
und zur Lösung beizutragen. Wenn die
internationale Rechtsordnung gebrochen wird oder
der Frieden gefährdet ist, muß Deutschland
auf Anforderung der Völkergemeinschaft
zusammen mit Verbündeten und Partnern
auch militärische Solidarbeiträge leisten können.
Eine weitere
Hauptfunktion ist daher die angemessene und
wirkungsvolle Teilnahme an internationaler
Krisenbewältigung. Dabei wird jeder Einzelfall
nach unserem Rechts- und Werteverständnis,
unseren Interessen und unserer Verantwortung
sorgsam abgewogen und entschieden. Die
Hauptverantwortung Deutschlands liegt in Europa
und seinem Umfeld. Deutschlands Engagement kann
nur so weit gehen, wie seine Möglichkeiten
reichen. Deutschland wird nicht allein handeln,
sondern nur mit seinen Freunden und Partnern in
der euro-atlantischen Gemeinschaft. Der Maßstab
ist, ob deutsche Streitkräfte wirklich gebraucht
werden und wirklich helfen können. Der Deutsche
Bundestag muß dem Einsatz der Streitkräfte
zustimmen.
Der neue Auftrag
der Bundeswehr ist ein Abbild der
sicherheitspolitischen Notwendigkeiten und der
Sicherheitsinteressen Deutschlands. Er lautet:
Die Bundeswehr
- schützt
Deutschland und seine Staatsbürger
gegen politische Erpressung und äußere
Gefahr,
- fördert
die militärische Stabilität und die
Integration Europas,
- verteidigt
Deutschland und seine Verbündeten,
- dient dem
Weltfrieden und der internationalen
Sicherheit im Einklang mit der Charta
der Vereinten Nationen und
- hilft bei
Katastrophen, rettet aus Notlagen und
unterstützt humanitäre Aktionen.
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