Zukunft Bundeswehr

 

Pfeiler der Zukunft

Die Bundeswehr vor einer Reform von Grund auf

Hinweis

Die Verabschiedung der "Magna Charta" der Bundeswehr vor 50 Jahren ist für die IFDT als Zeitschrift für Innere Führung das Event des Jahres 2000. Schon jetzt ist die Redaktion mitten in den Planungen für die Oktober-Ausgabe, die sich im Schwerpunkt der "Himmeroder Denkschrift" vom 3. Oktober 1950 widmet. Das wirkt sich auch im Redaktionsalltag aus — Konzepte wollen reifen. Bedauerlicherweise hat die Redaktion aber — in Gedanken an Himmerod — in der Printausgabe 6/00 im Vorspann zum Beitrag von Verteidigungsminister Rudolf Scharping — die Bundeswehr glatt fünf Jahre älter (50) gemacht. Natürlich ist die Bundeswehr jünger, nämlich knapp 45.

Die Würfel sind gefallen. Die Bundeswehr steht vor der tiefgreifendsten Reform in ihrer Geschichte. Es geht nicht nur um eine weitere Strukturveränderung, wie sie die Streitkräfte in der Vergangenheit schon oft gemeistert haben. Vielmehr gilt es jetzt, die Bundeswehr so zu reformieren, dass sie im gesamten Aufgabenspektrum verwendbar, also auf einen umfassenden Einsatz vorbereitet, aber auch für die wahrscheinlichsten Einsätze der Konfliktvorbeugung und Krisenbewältigung rasch verfügbar ist. Dies heißt nicht mehr und nicht weniger: ein "Umbau" von Grund auf.
  Die Bundesregierung hat mit ihrem Beschluss vom 14. Juni eine umfassende Reform der Bundeswehr eingeleitet, die unsere Streitkräfte von Grund auf erneuert — fit macht für die Aufgaben des 21. Jahrhunderts. Im April 2001 wollen wir mit der Umsetzung beginnen und sie innerhalb von fünf Jahren abschließen. Das ist ein äußerst ehrgeiziges Vorhaben, das noch viel Arbeit und Engagement erfordert.

Diese Reform basiert auf den Eckpfeilern, die die Regierung beschlossen hat. Sie ist systematisch vorbereitet worden. Die Bestandsaufnahme des Generalinspekteurs, die ich Anfang Mai 1999 dem Parlament und der Öffentlichkeit vorgelegt habe, hat erstmals die Schwächen unserer Streitkräfte schonungslos aufgedeckt.

Mit drei Leitlinien zur Weiterentwicklung habe ich den Rahmen für die Reform gesetzt:

• planerische und soziale Sicherheit für die Angehörigen der Bundeswehr gewährleisten

•Wirtschaftlichkeit und Effizienz der Bundeswehr verbessern

• Beiträge leisten für ein zukunftsfähiges Deutschland.

In 25 Tagungen mit Soldaten und Zivilbeschäftigten aller Dienstgradgruppen und Führungsebenen habe ich mir einen Überblick darüber verschaffen können, wie die Angehörigen der Bundeswehr selbst die Lage der Streitkräfte einschätzen und welche Vorschlägen sie zu unterbreiten haben.

Mit Industrie und Handwerk haben wir eine umfassende Kooperation begonnen. Erste Ergebnisse sind Vereinbarungen über die Zusammenarbeit bei der Ausbildung sowie der Rahmenvertrag "Innovation, Investition und Wirtschaftlichkeit". Die Expertenkommission unter Vorsitz von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hat wesentliche Grundlagen für unser großes Reformprojekt geliefert. Und zugleich hat der Generalinspekteur mit seinen "Eckwerten für die Konzeptionelle Planung und Weiterentwicklung" die Überlegungen der militärischen Führung zu Papier gebracht.

Mit dieser systematischen Vorbereitung haben die "Eckpfeiler" für eine Erneuerung von Grund auf eine solide Grundlage.

Personal — Staatsbürger in Uniform

Das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform ist und bleibt das Herzstück der Bundeswehr-eigenen Tradition. An der Einbeziehung der Soldaten in die Gesellschaft werden keinerlei Abstriche gemacht. Nicht zuletzt wegen dieser demokratischen Tradition bilden die gut ausgebildeten, leistungsfähigen und motivierten Soldaten und Mitarbeiter das größte Kapital der Bundeswehr. Deshalb werden wir die Attraktivität des Dienstes stärken.

•Eine Bildungsreform soll die Soldaten und Mitarbeiter in die Lage versetzen, ihre zivilberuflichen Qualifikationen zu erhöhen. Daher arbeiten wir vor allem mit Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und Industriebetrieben zusammen

•Die Unteroffizierlaufbahn wird attraktiver gemacht. Wir werden eine Fachunteroffizierlaufbahn einrichten. Eine eigene Feldwebellaufbahn wird es darüber hinaus fachlich qualifizierten Kräften erlauben, rasch Führungsverantwortung wahrzunehmen

•Wir werden die Soldaten auch leistungsgerecht bezahlen. Die im öffentlichen Dienst längst abgeschaffte Einstufung nach A 1/A 2 werden wir auch für die Soldaten aufgeben; Unteroffiziere werden wir schneller befördern und Kompaniechefs nach A 12 bezahlen

•Wir werden die Bundeswehr für Frauen weiter öffnen und zwar einzig nach den Kriterien Eignung, Leistung und Befähigung.

Die Ausrüstung modernisieren

Die Ausrüstung der Bundeswehr wird umfassend modernisiert. Hohe Priorität haben, wie schon oft dargestellt, die Fähigkeiten zum Lufttransport, zur strategischen Aufklärung und modernere Kommunikation. Dagegen werden wir das in Überfluss vorhandene schwere Material weiter verringern. Die neu eingerichtete, privatwirtschaftlich arbeitende "Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb" (GEBB) wird uns dabei helfen, Abläufe bei Entwicklung und Beschaffung zu straffen. Auf diese Weise werden wir auch die Verpflichtungen erfüllen können, die wir mit der "Defense Capabilities Initiative" der NATO und dem "European Headline Goal" der EU eingegangen sind. Beide Programme werden uns in die Lage versetzen, eine der Bedeutung unseres Landes angemessene Rolle im Bündnis und in der Sicherheitspolitik der Europäischen Union zu spielen.

Umfang und Zusammensetzung der Streitkräfte

Aus dieser Aufgabenstellung ergeben sich dann Umfang und Zusammensetzung der Streitkräfte. Wir haben uns verpflichtet, an der Seite unserer Verbündeten und EU-Partner die Fähigkeit zu entwickeln, eine große Operation mit bis zu 50000 Soldaten aller Teilstreitkräfte über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr oder zwei militärische Operationen mit jeweils bis zu 10000 Soldaten aller TSK über mehrere Jahre durchzuführen. Dafür brauchen wir Einsatzkräfte in der Stärke von 150000 Soldaten. Gemeinsam mit 105000 Soldaten in der militärischen Grundorganisation ergibt sich daraus eine Gesamtstärke der präsenten Kräfte von 255000 Soldaten. Dazu kommen 22000 Dienstposten für militärische und zivilberufliche Qualifizierung der Soldaten.

Dieser Gesamtumfang wird sich aus 200000 Zeit- und Berufssoldaten sowie 77000 Dienstposten für Grundwehrdienstleistende zusammensetzen. Das erlaubt bei der von mir vorgeschlagenen flexiblen Handhabung des Wehrdienstes die Einberufung von mehr als 100000 Wehrpflichtigen pro Jahr. Das zivile Personal wird in einem sozial verträglichen, durch Tarifvertrag vereinbarten Stellenabbau auf 80— 90000 Mitarbeiter verringert. So kommen wir beim Gesamtpersonal der Bundeswehr zu einer Verringerung von rund 100000 Menschen auf 360000 innerhalb von zehn Jahren.

Es bleibt bei der Allgemeinen Wehrpflicht. Sie wird auf einen Dienst von neun Monaten reduziert. Sie ist aber weiter unverzichtbar, denn sie gewährleistet unsere Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung, der einzigen legitimen Grundlage für den Aufbau der Streitkräfte nach unserem Grundgesetz. Sie allein ermöglicht Sicherheitsvorsorge, die nicht im Krisenfall konfliktverschärfend wirkt, wie es eine Wiedereinführung der Wehrpflicht unweigerlich täte.

Eine flexiblere Handhabung der Wehrpflicht wird es ermöglichen, auf Veränderungen im demographischen Aufbau der Bevölkerung zu reagieren, ohne gleich wieder das ganze System ändern zu müssen. Deshalb werden wir nicht nur, wie bisher, die Verlängerung des Wehrdienstes auf 23 Monate anbieten — bei zusätzlichen materiellen Anreizen.

Eine Möglichkeit zur Aufteilung des Wehrdienstes in sechs Monate grundlegender Ausbildung und drei Monate schon vorher festgelegten "Nachdienens" innerhalb von drei bis vier Jahren erlaubt eine gezielte Ausschöpfung der Jahrgänge bei Wahrung der Bedürfnisse der Streitkräfte. Eine ähnliche Regelung gibt es übrigens bereits für Landwirte.

Die Kooperation mit Wirtschaft und Handwerk

Schließlich kommt der Kooperation mit Wirtschaft und Handwerk strategische Bedeutung für die Reform der Bundeswehr zu. Der Rahmenvertrag "Innovation, Investition und Wirtschaftlichkeit" vom 15. Dezember 1999 führt die Bundeswehr der Zukunft auf den Weg der Abkehr vom Autarkiedenken. Die Bundeswehr muss nicht mehr alles selbst machen. In der Kooperation mit der Wirtschaft wird sie vielmehr Freiräume für Investitionen erschließen, die wir für die Modernisierung der Bundeswehr dringend brauchen.

In Zusammenarbeit mit der Wirtschaft werden wir deshalb zum Beispiel fünf Komponentenzentren für Informationstechnologie schaffen, in denen wir unseren Mangel an Informatikern gemeinsam beheben wollen.

In Zusammenhang mit der Wirtschaft werden wir auch dafür sorgen, dass die Standorte der Bundeswehr auf möglichst effiziente Weise gemanagt werden, und zwar nach dem Motto: Die Zahl der Standorte muss nicht ausschließlich wirtschaftlichen Kriterien genügen, aber jeder Standort muss so wirtschaftlich wie möglich arbeiten. Die Bundeswehr muss mit ihren Standorten räumlich auch weiterhin in der gesamten Fläche der Bundesrepublik vertreten sein.

Mit den jetzt beschlossenen Eckpfeilern sind die Grundlagen für Entscheidungen gelegt, mit denen wir die Neuausrichtung zügig einleiten. Jetzt geht es an die Feinausplanung.

Attraktivität des Dienstes stärken



… wir werden eine Fachunteroffizierlaufbahn einrichten …
wir werden die Bundeswehr für Frauen weiter öffnen... 


Infografik
Personal

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Ausrüstung modernisieren

… hohe Priorität haben die Fähigkeiten zum Lufttransport, zur strategischen Aufklärung und modernere Kommunikation …

Umfang reduzieren, Einsatzkräfte aufstocken




… der Gesamtumfang wird sich aus 200000 Zeit- und Berufssoldaten sowie 77000 Dienstposten für Grundwehrdienstleistende zusammensetzen …

 

 


Infografiken
Umfang

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Mit Wirtschaft und Handwerk kooperieren


… die Bundeswehr wird Freiräume für Investitionen erschließen, die wir für die Modernisierung dringend brauchen …

Finanzen und Reform

Das Bundeskabinett hat die "Eckpfeiler" der Bundeswehr-Reform am 14. Juni 2000 gebilligt. Die Einigung mit Finanzminister Hans Eichel (li.) ist eine Grundbedingung für die Erneuerung der Streitkräfte, damit Einnahmen aus Einsparungen bei den Betriebskosten für die Ausrüstung verwendet werden können. Die Betriebskosten ließen sich — so der Entwurf des Verteidigungsministers — durch Kooperation mit der Wirtschaft innerhalb von drei bis fünf Jahren um mindestens eine Milliarde DM senken.

 

Autor
Rudolf Scharping ist Bundesminister der Verteidigung

Hinweis
Das Grundlagenpapier "Die Bundeswehr — sicher ins 21. Jahrhundert. Eckpfeiler für eine Erneuerung von Grund auf" ist im Intr@net aktuell sowie im Internet unter
www.bundeswehr.de/index_.html abrufbar.

Bilder (in der Reihenfolge der Abbildung)
IMZBW, DPA, Archive SuT, Eurocopter, Detmar Modes — BMVg, Presse-/Informationsstab (3x), Andrea Bienert — Bundesbildstelle, dpa

Zusammenfassung: 
Verteidigungsminister Rudolf Scharping definiert folgende "Eckpfeiler" für eine Reform der Bundeswehr von Grund auf: Der Dienst soll attraktiver gestaltet werden, eine neue Feldwebellaufbahn und eine Fachunteroffizierlaufbahn werden eingerichtet. Die Bezahlung der Soldaten wird leistungsgerechter sein. Frauen stehen künftig alle Laufbahnen und Verwendung offen, nach den Kriterien Eignung, Leistung und Befähigung. Bei der Ausrüstung haben Fähigkeiten zum Lufttransport, zur strategischen Aufklärung und moderne Kommunikation Priorität; das schwere Material wird weiter reduziert. Die Einsatzkräfte wachsen auf 150000 Soldaten auf. Der Gesamtumfang der Streitkräfte setzt sich künftig aus 200000 Zeit- und Berufssoldaten sowie 77000 Grundwehrdienstleistenden zusammen, mit flexibler Handhabung des künftig neunmonatigen Wehrdienstes. Das zivile Personal wird verringert — sozial verträglich und durch Tarifvertrag vereinbart. Schließlich schafft sich die Bundeswehr durch Kooperation mit Wirtschaft und Handwerk Freiräume für Investitionen zur Modernisierung.